Notdienst – auch in Zukunft noch so?

emergency-1137137_640Gerade (Samstag) sitze ich im Notdienst und bin heute mal wieder beeindruckt, was so alles bei mir aufschlägt, wo ich helfen kann und wo ich hätte helfen können, wenn die Krankenkassen nicht schon jetzt einen Strich durch die Versorgungs-Rechnung gemacht hätten:

Eine Diabetikerin mit Insulinumpe ist bei ihrem Freund zu Besuch. Das Insulinfläschchen neigt sich dem Ende zu und sie hat den Adapter von der Pumpe zur Durchstechflasche zu Hause vergessen. Da ist guter Rat teuer, denn wir sind seitens der Krankenkassen aus der Pumpenversorgung (Hilfsmittel) quasi ausgeschlossen und haben hier keine passenden Adapter vorrätig.
Na gut, da könnte die klassische Insulinspritze bleiben. Dummerweise wird die in Zeiten von Fertigpens kaum noch benötigt und bei unseren noch vorrätigen Spritzen ist gerade vor Kurzem das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, so dass sie entsorgt wurden.
Also bleibt nur die Fahrt nach Hause (ca. 50 km einfache Strecke) oder der Gang in die Klinik. Da man dort meistens warten muss und auch hier fraglich ist, ob die Patientin vernünftig versorgt werden kann, entscheidet sie sich, nach Hause zu fahren. Natürlich hätte ich einen Insulinfertigpen verfügbar gehabt. Allerdings passt die Durchstechflasche da nicht hinein. Und auch die Abgabe eines (verschreibungspflichtigen) Fertigpens ist mir verwehrt, weil ich dazu natürlich ein Rezept bräuchte, das ich nicht habe. Ich hätte hier gerne geholfen, konnte es aber leider nicht, da die Hilfsmittelversorgung selbst für Notfälle nicht mehr ohne entsprechende Verträge, Präqualifizierungen und passende Vergütung seitens der Krankenkassen möglich ist.

  • Danach kommt ein Anruf, ob ich eine bestimmte Stomaschutzkappe vorrätig habe (auch hier handelt es sich wieder um ein Hilfsmittel). Habe ich nicht, denn die meisten Stomapatienten werden durch die Selektivverträge der Krankenkassen von Versendern versorgt, so dass das für uns kein Markt mehr ist und wir so etwas einfach nicht mehr vorrätig halten.
    Ich frage, was denn die Hotline des Krankenkassen-Anbieters gesagt hat, denn immerhin muss der von der Kasse gewählte Anbieter eine 24-Stunden-Hotline anbieten. Die Antwort war wohl, dass vor Montag nichts passieren könnte, weil man eben am Samstag Abend nicht versenden kann. Auch hier konnte ich also nicht helfen, obwohl ich es gerne getan hätte (und früher auch gekonnt und gedurft hätte).
  • Danach kommt ein Kunde mit einem Rezept für ein Verhütungsmittel vorbei. Natürlich könnte man das auch über den Versand einlösen, allerdings haben sowohl die Frau als auch der Mann wohl vergessen, dass das Rezept überhaupt eingelöst werden muss, damit man nicht einen Monat mit Kondom verhüten muss.
    Hätten wir nicht die Arzneimittelpreisverordnung mit festen Preisen wäre ein solcher Patient ein gefundenes Fressen, den man in dieser Notlage „ordentlich“ bezahlen lassen könnte (jedenfalls ist das wohl die Vorstellung des europäischen Gerichtshofes, der die Aufhebung der Preisbindung auch in Deutschland anregt).
    So verlange ich den festgelegten Preis (Es war vor 20:00 Uhr, deshalb wurde auch keine Notdienstgebühr fällig) und verkneife mir jeglichen Kommentar. Trotzdem sollte jeder Leser überlegen was wäre, wenn die kleinen und mittelgroßen Apotheken verschwinden, weil es eben nicht reicht, nur noch als Notnagel gebraucht zu werden und dann auch noch unendliche Diskussionen über einen Phantasiepreis zu führen!
  • Kurz nach Ladenschluss der großen Filialen in der Innenstadt möchte eine Frau Kondome einer bestimmten Marke, die ich glücklicherweise auch vorrätig habe. Klar gibt es in den großen Städten an jeder Ecke Kondomautomaten (oder nicht?), bei uns auf dem Land ist das aber nicht so einfach und auch hier sind wir dann als Apotheke gefragt. Wenn’s dann noch mit der Firma passt, ist es auch gut. Ich denke aber, es ging um die Verhütung an sich und so konnte auch da der Samstag-Abend gerettet werden.
  • In der Nacht kommt eine junge Frau mit einem seit fast drei Monaten abgelaufenen Kassenrezept bei mir vorbei. Aufgeschrieben sind zwei Asthma-Medikamente und die Dame hustet sich fast die Seele aus dem Leib. Nachdem ich darauf hingewiesen habe, dass das Rezept nicht mehr von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt wird, weil diese Rezepte nur maximal 30 Tage gültig sind, ist die Kundin sofort bereit, das Ganze privat zu bezahlen. Immerhin sind Privatrezepte ja drei Monate gültig.
    Beide Medikamente zusammen kosten über 100 Euro und wir einigen uns dann darauf, dass sie nur das Akutmedikament mitnimmt, was knapp 30 Euro kostet. Auch hier der Hinweis, dass bei freiem Markt deutlich höhere Preise abgerufen werden könnten, wenn ich denn meinen Betriebsgewinn nur noch aus solchen Akutgeschichten finanzieren müsste!

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele aus meinem aktuellen Notdienst. Aber vielleicht zeigen sie dem einen oder anderen, warum diese Notdienste wichtig sind und warum es mehr als beruhigend für alle Beteiligten ist, nicht um den Preis feilschen oder horrende Zuschläge zahlen zu müssen für Notfälle oder auch kleine Versäumnisse, die jedem mal passieren können. Und warum es auch wichtig ist, dass die Patienten, die bei uns Apothekerinnen und Apothekern im Notdienst „aufschlagen“, nicht weiter als ca. 15-20 km fahren müssen.

Und genau diese Preisbindung und die Kilometergrenze werden durch das Eindringen von Kapitalgesellschaften, die die ausländischen Versandapotheken betreiben, gefährdet. Die ausländische Versandapotheke leistet nämlich keinen Notdienst. Sie pickt sich derzeit nur die Rosinen aus dem deutschen Arzneikuchen und lockt mit Angeboten, die langfristig mit Vorsicht zu genießen sind, weil sie die Versorgung in der heutigen Form bedrohen!

An den Beispielen mit den Hilfsmitteln sieht man zudem sehr „schön“, was passiert, wenn einzelne Gesundheitsbereiche nur noch durch Selektivverträge oder Versorgungspauschalen geregelt werden. Was für Hilfsmittel bereits erschreckend ist, wäre für den Arzneimittelbereich katastrophal!

Und nun, gute Nacht! Auf dass es kein böses Erwachen gibt.

PS: Immerhin werden jede Nacht ca. 20.000 Patienten (Quelle: ABDA) von etwa 1.300 Apotheken im Notdienst versorgt. Und in jeder Apotheke steht ein(e) leibhaftige(r) und qualifizierte(r) Apotheker(in).

 

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