Nachbarschaftshilfe?

Wir schreiben das Jahr 2016. Es sind Osterferien: Die Bundeshauptstadt mutiert zur medizinischen Diaspora, da annähernd alle Ärzte der Nahversorgung entweder im Urlaub oder zur quartalsendlichen Fortbildung sind. Patienten und Apotheker sind auf sich selbst gestellt…

Die gut achtzigjährige Dame, die an so einem Tag die Apotheke meines Mannes betritt, hatte bereits mehr als genug Pech: Bei einem typischen Kleindelikt (Überfall mit Handtaschenraub im Fahrstuhl) wurde sie so an der Schulter verletzt, dass diese operiert werden musste. Zur Verhinderung einer Thrombose muss sie sich nun täglich Heparin spritzen. Oder besser: spritzen lassen, denn einhändig ist sie nicht in der Lage, das zuverlässig selbst zu erledigen.

Sie geht daher regelmäßig zu ihrem Hausarzt, der nun allerdings auch in den Osterferien ist. Eine Vertretung gibt es nicht, die Erste-Hilfe-Stellen der Krankenhäuser sind für so etwas eigentlich nicht zuständig, der kassenärztliche Notdienst auch nicht und eine Hauskrankenpflege ist so schnell auch noch nicht organisiert. Also nach dem Überfall nun auch noch Thrombose?

Glücklicherweise gibt es noch einen Gesundheitsberuf, der hohes Vertrauen nicht nur bei der alten Dame genießt, sondern auch noch niedrigschwellig (also ohne Terminvereinbarung …) 7 Tage die Woche rund um die Uhr erreichbar ist: Die Apotheker! Und so wendet sie sich vertrauens- und hoffnungsvoll an ihre Stammapotheke in unmittelbarer Wohnnähe, ob man dort nicht mal schnell bei der Heparinspritze helfen könnte?

Könnte die Apotheke natürlich, denn was ein Patient auch selbst erledigen kann, kann auch ein Apotheker können. Und natürlich würde die Apotheke das auch machen, schließlich sind wir ja alle Heilberufler. Aber wir dürfen das nicht, weil es sich um keine apothekenübliche Tätigkeit handelt…

Aber Nachbarschaftshilfe, also außerhalb der Apothekentätigkeit, ist ja noch nicht verboten. Wie gut, dass sie in der Nachbarschaft wohnt, so kann ihr also doch erst mal geholfen werden. An den Feiertagen ist dann ihre Tochter dran. Frohe Ostern!

Was uns motiviert? – Das Vertrauen der Kunden in unsere Kompetenzen.

Was uns nervt? – Dass wir auch in derartigen Ausnahmefällen diese Kompetenzen nicht nutzen und den Patienten nicht helfen dürfen, auch wenn wir hier den Ärzten nichts wegnehmen, sondern dem Gesundheitssystem sogar noch Geld sparen würden, weil der Gang zur Erste-Hilfe-Stelle oder der Anruf beim Notdienst entfallen.

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