Ja, ich gestehe! – Gedanken zum EuGH-Urteil

Bredehorn Jens / pixelio.de
Bredehorn Jens / pixelio.de

Ich bin Teil einer Verschwörung, gehöre zur „Pharma-Mafia“, treibe in Deutschland die Preise für die Medikamente vom Arzt (=Rx) in schwindelerregende Höhen, profitiere von einem korrupten Gesundheitssystem, das wir Apothekerinnen und Apotheker uns nicht nur ausgedacht haben, sondern auch seit dem Mittelalter mit Morgenstern, Revolver und Lobbyarbeit vehement verteidigen, bereichere mich an Leid und Siechtum der Kranken, kann gar nicht genug kriegen von Geld-Geld-Geld und möchte jetzt auch noch verhindern, dass jemand seine Medikamente billiger bekommt!

So oder so ähnlich scheint bei einigen Leuten die Vorstellung über das Apotheker-Dasein zu sein… Nein, wir sind nicht bei den täglichen Schmuddel-Sozialneid-Dokusoaps der Privatsender (Wer verklagt die übrigens mal wegen „intellektueller Folter“ vor dem EuGH?), sondern bei den Medien, die bisher eigentlich eine gewisse geistige Grundausstattung vorausgesetzt haben. Wobei das bei der Mehrheit der Kommentatoren wohl bezweifelt werden muss….

Was ist passiert?

Der EuGH, also der europäische Gerichtshof, sonst immer die Wiege für alles Böse, was Deutschland widerfährt, hat es den nicht in Deutschland ansässigen Versandapotheken erlaubt (also nur den „ausländischen“, nicht den deutschen!), den Patienten und Kunden einen Preisnachlass auf die Eigenbeteiligung bei Medikamenten zu gewähren, auch „Bonus“ oder „Rabatt“ genannt.

Die Journaille jubelt, sieht die Preise purzeln (Äh… Herrschaften, um die PREISE ging’s nicht, die bleiben gleich!) und sich selber vermutlich schon in just dem Porsche Cayenne sitzen, den ja „alle“ Apotheker fahren und jetzt billig abstoßen müssen. Aus der „Konkursmasse“ der Apotheker gekauft, geht der endlich auch als „revolutionär“ statt „reaktionär“ durch.

So ein Quatsch, denn trotz aller anders lautenden Berichte bleiben die Preise aber die gleichen, nur den Anteil des Patienten – das sind 5 bis maximal 10 € – dürfen die Versandapotheken in den Niederlanden jetzt rabattieren und als Bonus verklausulieren.

Na, da würde ich mich aber als Beitragszahler der GKV auch freuen, wenn mein Nachbar zwar wenig oder nichts für seine Medikamente bezahlt, aber dennoch den vollen Betrag als Belastung zu seinem finanziellen Vorteil angeben kann, weil die holländische Apotheke ihm den vollen (nicht bezahlten) Betrag quittiert! Aber gegen „kreatives Tricksen“ ist noch kein Gesetz erlassen, deshalb gibt es eben einen Einkaufsbonus – und die Quittung über den vollen Betrag. Yeah, Alter, das ist doch mal gelebte Solidarität – hey Nachbar, mach doch selber, du Opfa!

Neben Sex, Drugs und Gossip kann man mit einer Neiddebatte noch die meisten Klicks im Netz erreichen, das wissen auch die Medien abseits des Boulevards. Da stören Nachdenken über den Ist-Zustand, mögliche Konsequenzen und ehrliche Auseinandersetzung mit einer Thematik ganz grundsätzlich.

Und so wird dann in der gleichen Ausgabe noch über die Landflucht wegen wegfallender Infrastruktur und die daraus resultierenden horrenden Mieten in der Stadt gejammert, deren Zentrum dank Preisdumping des Internethandels der internationalen Heuschrecken (die ihre Steuern  kreativ an Deutschland vorbei in Steuerparadiese schleusen und keinen persönlichen Service, aber Lohndumping bieten) austauschbar, langweilig und verödet ist bzw. von den üblichen, ebenfalls international aufgestellten Bekleidungsketten und Handyläden dominiert wird. Wie schizophren ist das denn?

Mir als Apothekerin „gefällt“ dann nur die tröstende Vorstellung, dass Journalist – dank schickem Cayenne – eine feine Nummer im Auto schiebt, aber keine Notdienstapotheke mehr da ist, um die „Pille danach“ zu verkaufen, er im Anschluss nach neun Monaten mit Frau und Kind aufs vereinsamte Land ziehen muss wegen der horrenden Mieten in der Stadt …. und das Kind dann zum Wochenende Fieber oder Brechdurchfall bekommt und die Versandapotheke gerade Ruhepause hat. Und Amazon Prime ist nächtens übrigens auch nicht erreichbar!

Nur der Vollständigkeit halber: Der EuGH hat übrigens den deutschen Apotheken in solchen Fällen auch zur Preisanpassung nach oben geraten… und dann könnten Erreichbarkeit, Nachfrage und Dringlichkeit den Preis bestimmen!

Yeah – Und wer ist jetzt das Opfa?

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