In jener Nacht. – Als die unabhängige flächendeckende Arzneimittelversorgung der Staatsräson geopfert wurde

 

Josef Türk junior / pixelio.de
Josef Türk junior / pixelio.de

„Schon wieder“, stöhnte Angie, als ihr rotes Privattelefon zum wiederholten Mal in dieser Nacht klingelte. „Joachim, geh Du doch bitte mal ran! Ich kann jetzt grad nicht, ich muss immer noch die vielen Scherben vom Regieren zusammenfegen!“, bat sie leicht genervt und ebenfalls zum wiederholten Male ihren Mann, aber der war sauer. Oder Sauer? So ganz genau wusste sie es jetzt auch nicht mehr, aber seit sie in dieser Kollisionsrunde (oder war es die Koalitionsrunde?) am Mittwoch so gar nichts Substanzielles mehr beschlossen und vor allem keine Lösung für die zusammenbrechenden Vor-Ort-Apotheken in Deutschland gefunden hatten, hatte sie permanent dieses Klingeln im Ohr.

„Tinnitus.“, hatte ihr Apotheker von der Apotheke #nochvorortumdieeckeabernichtmehrlange gesagt und mit leicht spöttischem Unterton „Da gibt`s bald was aus Holland.“ hinzugefügt, bevor er sich umdrehte und sie einfach stehen ließ! Uiuiui, war der mies drauf! Der letzte Mann, der sie so eiskalt abserviert hatte, war Donald the Trumpeltier, aber der hatte ja auch keine Ahnung von Arzneimitteln. Das war bei dem Apotheker um die Ecke zum Glück anders, der hatte ihr schon oft mit seinem fachkundigen Rat geholfen. Und bei der letzten Wahl hatte er sogar ein paar Luftballons von der CDU verteilt und den Straßenwahlkämpfern erlaubt, ihren Stand im Schatten des großen Apotheken-A`s aufzubauen, sonst wäre der eine oder andere bestimmt umgefallen. Wegen der Hitze natürlich, nicht wegen des Parteiprogramms.

„Joachim“, sagte Joachim jetzt und drückte ihr den Telefonhörer in die Hand. „Ja, ich weiß noch, wie Du heißt, schließlich habe ich Tinnitus, nicht Demenz. Aber wir können uns auch ohne Telefonhörer unterhalten, gieß doch schon mal ein Glas Rotwein ein“, gab sie ihm gereizt zur Antwort. „Es ist der Gauck, nicht der Sauer“, sagte ihr Mann, immer noch Sauer. „Der schon wieder? Ist der nicht in Rente, äh: in Pension?“ Sie hatte doch erst neulich diesen Steinbrecher angemeiert, oder? Mist, wie es aussah, brauchte sie ganz dringend auch noch was gegen Konzentrationsstörungen. Ob sie nachher noch mal in die nächste Notdienstapotheke gehen sollte, so lange es hier noch welche gab?

Aber das musste warten, jetzt war erst mal wieder das Regieren dran. Wahrscheinlich war der Joachim nur ein bisschen verwirrt, weil er jetzt gar keine Funktion mehr hatte. Der soll sich einfach nicht so anstellen, als Bundespräsident war das ja auch nicht anders gewesen! „Na, Joachim, wie geht`s? Feilst Du wieder an einer Predigt?“ flötete sie ins Telefon. „Ja, an einer Gardinenpredigt“, war am anderen Ende der Leitung zu hören. „Sag mal, Angie, was hast Du Dir denn dabei gedacht, als Du in jener Nacht am Mittwoch mit Hotte, Martin und den anderen Zwergen zusammengesessen bist und die Arzneimittelversorgung in Deutschland und unsere Apotheker quasi als Lämmer für Ostern der Koalitionsräson geopfert hast?“

Ach, immer diese pathetische und pastorale Sprache vom Joachim! War ja schlimmer als zu Hause. Oder bei den Katholiken! Oder den Grünen! Von wegen Opfer. Ich denke, also bin ich! Irgendeiner muss halt den Kürzeren ziehen, diesmal waren es eben die Apotheker, diese putzigen kleinen Dinger! Dabei hatte ihr Brigitte, die Freundin von Ulla versprochen, dass die Spieße, an denen sie in der Nacht gezogen hatten, gleich lang seien. Ob sie da veralbert worden war? Aber der Wolfgang hatte doch auch gesagt, dass die Rente sicher ist. Oder waren es die Steuerzahlungen? Aus Holland? Oder Deutschland? Mist, sie wusste es nicht mehr genau! Das wurde jetzt echt bedenklich. Sie musste gleich nachher noch mal beim Wolfgang anrufen, der war bestimmt noch wach, schließlich hatte der immer einen Koffer in Berlin!

Aber an was hatte sie in jener Nacht noch so gedacht? Ach ja: Anfangs hatte sie sich ein paar Minuten den Spaß gemacht, sich den Martin mit einem Scheinheiligenschein vorzustellen, der seinen Geist erhellte. Bis Schneewittchen den Raum betrat und „Wer möchte noch ein Glas Spargelwasser?“ in die Runde fragte. Alle hatten sich darum gerissen, nur der Herrmann hatte abgelehnt, dem stößt das immer so komisch auf, seit der Apotheker #ichzahlehiersteuernundschaffearbeitsplätze ihm die Herstellung von Spargelwasser sowie die Nebenwirkungen erklärt hatte.

Und als kurz vor Mitternacht, das Thema war gerade „RxVV“ oder „Härtere Strafen für nicht zu fassende Einbrecher“ oder „Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung“, Schneewittchen noch mal fragte, ob jetzt jemand Spargel mit holländischer Sauce haben wolle, hatten die Sozis ganz glasige Augen gekriegt und gemeinsam sogar den roten Faden verloren. Und irgendwas war zu Bruch gegangen. Was war das nur? Die große Koalition war es jedenfalls nicht.

Ach ja, das war die Büchse der Pandorra. Offen und kaputt, gleich neben den Scherben der großen Kaiser`s Kaffeekanne. Die war aber damals dem Gabriel runtergefallen, der oft wie ein Elefant im Porzellanladen … Ach, das waren noch Zeiten! Aber egal, jetzt gab es andere Männer, die auch nicht mehr alle Tassen im Schrank hatten! Wieso musste sie da jetzt  an diesen Bubi vom Bosporus und den Body vom Putin denken? Boah, gleich drehte sich ihr wieder der Magen um, sie musste jetzt echt dringend zur Apotheke um die Ecke! „Nimm doch was Digitalis!“, hatte ihr der Wolfgang noch zugerufen. Das heißt „Digitales“ hatte Schneewittchen nur gesagt und war in Richtung Holland verschwunden.

Aber sie kam vom Thema ab. Was war das noch mal? Ach ja, die Büchse der Pandorra! Was war da gleich noch mal drin gewesen? „Gesundheitswesen ist Ländersache, Deutschland ist ein souveräner Staat, gleichlange Spieße für deutsche und europäische Apotheken, flächendeckende Arzneimittelversorgung, einheitlicher Arzneimittelpreis als Basis für das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem und Vertrauen in die Demokratie und das deutsche Rechtssystem“. Alles kaputt jetzt. Blöd. Ob der Apotheker deshalb so sauer war? Sie musste unbedingt den Herrmann fragen, ob man da irgendwas kitten könnte!

Vorher musste sie aber erst mal den Joachim abwimmeln. Was wollte der gleich noch mal?  Ach ja, was sie sich dabei gedacht hätte. „Na ja, was ich mir immer so denke, wenn ich regiere. Nichts Besonderes.“, antwortete sie endlich in den Telefonhörer. Sie konnte dem Joachim ja schlecht sagen, dass sie sich vorgestellt hatte, mit wem sie demnächst in einem flotten Cabrio durch die Lande fahren könnte wie weiland mit dem Guido. Und wie Gerhard mit der Margot. Ob der Joachim vielleicht Auto fahren könnte? Aber eigentlich hatte sie an jemand Jüngeren gedacht. Den Christian zum Beispiel, immerhin hatte der sich ja extra die Haare implantieren lassen, damit die Frisur nicht so aussieht wie eine Fönwelle oder ein Trumptoupet und gut sitzt in Berlin, Rom oder Amsterdam. Oder beim Zwischenstopp in Heerlen. Oder Saudi Arabien.

Aber der Christian war so ganz anders als der Guido damals, weniger liberal, mehr so scheißegal. Dann hatte sie von dem Martin geträumt, wie der ihr immer wieder ins Steuer gegriffen hatte und kurz bevor sie gemeinsam in den Untergang, also den Sonnenuntergang gefahren waren, fing der Hotte noch an, davon zu erzählen, was er damals mit der Ulla in der „Nacht seines Lebens“ gemacht hatte. Da war die Zypresse – oder wie die Neue im BMWi hieß – ganz rot geworden vor Neid. Und ihr war schlecht geworden. Vom vielen Regieren oder Negieren oder wie auch immer. Sie musste sich unbedingt jemand Anderen zum Schlittenfahren suchen. Und dann war ihr noch kurz die Stimme von dieser südvietnamesischen Eintagsfliege im BMG im Ohr erklungen. „Klientelpartei“ piepste sie. Da hatte sie entschieden, die Apotheker zu opfern. Alternativlos. Schließlich ging es um die Staatsräson. Keine Frage der Ehre, sondern der Macht. Und seitdem hatte sie dieses Fiepsen im Ohr. So war das damals. In jener Nacht als nicht nur das deutsche Apothekenwesen den Kürzeren zog.


Zum Hintergrund:

Am 29.3.17 entschied der Koalitionsgipfel aus Vertretern von CDU, CSU und SPD, in dieser Legislaturperiode keine Entscheidung mehr zu treffen, die geeignet wäre, auch nach dem Eingriff des europäischen Gerichtshofes in deutsches Gesundheitsrecht die flächendeckende Arzneimittelversorgung in Deutschland sowie den einheitlichen Arzneimittelabgabepreis als Grundlage des solidarisch finanzierten deutschen Gesundheitssystems zu erhalten. Stattdessen sieht die Politik weiter zu, wie sich unter dem europäischen Deckmantel ausländische Kapitalgesellschaften Wettbewerbsvorteile gegenüber inländischen, persönlich geführten Apotheken erkaufen, indem sie mit Bonizahlungen auf Rezept auf Kundenfang gehen, was deutschen Apotheken weder möglich noch erlaubt ist, da in Deutschland der Gesetzgeber festlegt, wie viel eine Apotheke pro verschreibungspflichtiger Arzneimittelpackung verdient (8,35 €, egal, wie hoch der Umsatz ist), wie viel Rabatt sie beim Einkauf bekommen darf (3,15 %) und wie viel sie von diesem Verdienst als Rabatt an die Krankenkassen zurückgeben muss (1,77 ,€) muss.

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