Holländischer Käse oder: Was sind eigentlich Rx-Boni?

Annett Bockhoff / pixelio.de
Annett Bockhoff / pixelio.de

Holland ist nicht nur durch Heerscharen vagabundierender Wohnwagenfahrer, sondern auch durch den Export so unterschiedlicher Dinge wie Tulpen, Tomaten, Holzschuhe oder Fußballer-Ehefrauen bekannt. In Holland gibt es auch jede Menge Käse, wobei einem nicht nur Gouda, Edamer oder Leerdamer schwer im Magen liegen können.

Holländer versenden gerne Arzneimittel nach Deutschland (DocMorris ist nicht die einzige grenznahe Versandapotheke), fühlen sich aber trotzdem im freien Warenverkehr beschränkt und diskriminiert, weil sie in Deutschland aufgrund der Preisbindung verschreibungspflichtiger Arzneimittel keine Rabatte oder Bonussysteme gewähren dürfen und beim Versand von zwei Arzneimittelpackungen nicht noch den einen oder anderen Käse kostenlos an den Verbraucher mitschicken können.

„Logisch“, dass eine derartige „Benachteiligung“ sofort den Europäischen Gerichtshof auf den Plan ruft und so findet sich Deutschland derzeit in einem Verfahren wegen Behinderung des freien Warenverkehrs und Diskriminierung von holländischen Apotheken vor Gericht wieder. Zumal der deutsche Staat auch so „gemein“ war, gegen die Holländer (genau wie gegen entsprechende deutsche Apotheken) Bussgelder zu verhängen, wenn sie dieses Bonusverbot nicht beachtet haben. Anders als bei den einheimischen Apotheken wurden diese Bußgelder jedoch nie eingezogen. Wahrscheinlich empfindet man das allerdings nur dann als Benachteiligung, wenn man zu viele Hanfkekse gegessen hat. Auch ein Exportprodukt der Holländer …

Sollte der Europäische Gerichtshof in seinem im Herbst erwarteten Urteil der Empfehlung des Generalanwalts folgen, dann wäre das Verbot von Rabatten auf Rezepten in Deutschland jedenfalls Geschichte (zumindest für die ausländischen Apotheken) und mit ihm über kurz oder lang wohl auch der einheitliche Apothekenabgabepreis. (Anmerkung: Am 19.10.2016 hat die kleine Kammer des EuGH das Urteil entsprechend der Empfehlung des Generalanwalts gefällt und somit den freien Warenverkehr und die Rechte ausländischer Unternehmen über den Gesundheits- und Verbraucherschutz eines europäischen Mitgliedslandes gestellt…)

Rabatte auf Rezepte? Na, das klingt doch mal verführerisch: Bargeld und Bonushefte statt Zuzahlungen und Rezeptanteile! Quasi frei nach den Geissens: „Je mehr wir krank sind, desto mehr Käse bekommen wir!“ So macht das Kranksein fast schon Spaß …

Die GEZ-geschützten Medien bejubeln den überfälligen Sieg über die Pharmalobby jedenfalls schon mal, auch die Netzgemeinde jubiliert und die gleichen Leute, die vor wenigen Wochen gegen TTIP und freien Warenverkehr protestiert haben, preisen nun das Ende des vermeintlichen Apothekenprotektionismus und erfreuen sich am starken Arm Europas, der in die Landesinteressen des deutschen Gesundheitssystems eingreifen will.

Aber ist das wirklich so erfreulich, wenn eine funktionierende, hochwertige flächendeckende Versorgung ein paar vordergründig gesparten Zuzahlungs-Euros geopfert wird? Ist ein einheitlicher Apothekenpreis tatsächlich nur Protektionismus für einen „überflüssigen“ Berufsstand, der durch ein nur normalerweise gut funktionierendes Versandsystem locker ersetzt werden kann oder ist das Bonus-Verbot wegen des einheitlichen Preises vielleicht doch Garant einer flächendeckenden Arzneimittelversorgung und damit unabdingbare Grundlage des Gesundheits- und Verbraucherschutzes? Zur Beantwortung dieser Fragen muss man sich noch nicht einmal mit den Einwohnern der jetzt von Hochwasser und Schlamm betroffenen Gebiete unterhalten und sie fragen, wie die Versorgung ohne Vor-Ort-Apotheker aussehen würde…

Ein einheitlicher Apothekenabgabepreis schützt also tatsächlich. Die Apotheken ja, aber vor allem auch die Verbraucher und sogar die Krankenkassen, für die er Transparenz und Planungssicherheit bietet und das Sachleistungssystem ermöglicht. Er entbindet die Apotheken vom Preiswettbewerb, so dass sie sich ganz auf einen Qualitätswettbewerb um die beste, schnellste, menschlichste Versorgung konzentrieren können. Der einheitliche Abgabepreis schützt das bewährte System der hochwertigen und flächendeckenden Versorgung mit Vor-Ort-Apotheken als Anlaufstellen in Notfällen, wenn man krank und gebrechlich ist, wenn man wirklich Hilfe braucht und nicht auf ein Päckchen oder eine Drohne warten oder Wucherpreise für eine schnellere Versorgung zahlen will. Die Arzneimittelpreisbindung in Deutschland ist Teil unseres funktionierenden, solidarischen und sozialen Gesundheitssystems. Für den freien Markt ist noch an genügend anderen Stellen Platz. Und für holländischen Käse auch …

Wie Sie auch in Deutschland bei Arzneimitteln sparen können:

  • Sammeln Sie die Quittungen über Ihre Arzneimittelzuzahlungen. Viele Apotheken bieten dafür bei Kundenkarteninhabern auch Sammelquittungen an. Als chronisch Kranker müssen Sie nicht mehr als 1 Prozent Ihres Einkommens für Zuzahlungen aufwenden.
    Ach ja: Die Arzneimittelzuzahlungen gehören übrigens nicht der Apotheke, sondern wir leiten diese an Ihre Krankenkasse weiter. Kostenlos.
  • Informieren Sie sich über zuzahlungsfreie Arzneimittel. Dazu gehören alle Präparate, die vom Hersteller für 30 % unter dem Festbetrag angeboten werden (Das sind gar nicht sooo wenige) und die bei Ihrer Krankenkasse zu den „erlaubten“ Firmen gehören, so dass die Apotheke Sie mit Präparaten dieser Hersteller versorgen darf. Informationen darüber bekommen Sie bestimmt bei Ihrer Krankenkasse. Falls nicht: Die Krankenkasse muss kein Partner für den Rest des Lebens bleiben….
    Link zur Liste der zuzahlungsfreien Medikamente beim GKV-Spitzenverband: 
  • Bekommen Sie ein Präparat, das teurer als der Festbetrag ist und müssen eine zusätzliche Differenz zuzahlen? Ihre Apotheke und Ihr Arzt helfen Ihnen gerne, nach aufzahlungsfreien Alternativen zu suchen, sofern das für Ihre Behandlung möglich ist.
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