Ein Tag aus dem langweiligen Leben eines Schubladenziehers

Es begann mit dem Anruf meiner PTA um 8.10 Uhr, als ich mir beim Physiotherapeuten die Gräten einrenken ließ:

„Hier steht der Techniker für die (seit Weihnachten nicht mehr klingelnde) elektrische Schiebetüre und er will sie still legen, was sollen wir tun?“

Nicht nur, dass sich natürlich niemand telefonisch angemeldet hatte (das ist glaube ich heutzutage bei Handwerkern auch aus der Mode), der Ausfall des Türlasers gefährde meine zukünftige Kundschaft durch abzusehende, massenhafte Tötungen von Kleinkindern!

Ok, fünf Telefonate und zwei Stunden weiter mit meinem Hauselektriker, der durch seinen Anruf bei der Türfirma gleich mal von dieser „kalt gestellt“ worden war, der Firma und deren Callcenter-Mäuschen, die offensichtlich einen Notfall-Einsatz generiert hatte, dem Kollegen mit der neuen Schiebetür und aus Frackigkeit gleich mit der Tür-Mitbewerberfirma, komme ich zur Spätschicht.

By the way: Erste Ergebnisse sind nicht vor nächster Woche zu erwarten, bis alle Beteiligten ihre Kostenvoranschläge bzw. Rechnungen einreichen.

Auf der Treppe fängt mich die Kollegin ab, warum außer ihr alle bei der Tariferhöhung berücksichtigt seien? Hm, da kann ich mit dem Steuerberateranruf ja auch gleich klären, was meine zur Zeit laufende Finanzamtsprüfung denn so macht: Kollegin war tatsächlich vergessen worden, Amt prüft noch.

Dabei fällt mir ein, dass ich dringend gucken muss, ob alle 16 Mitarbeiter denn nun endlich ihre restlichen 2015-Urlaubstage bis Ende März eingereicht haben, als im Personalplaner, den ich als Test-User und Beta-Anwender mit meiner Computersystem-Firma weiter entwickle, plötzlich alle Mitarbeiter wie von Geisterhand verschwinden. Uuups! Kein Problem, unten ein Hilferuf, kurz sieben Kunden bedient-ja, da war doch noch was- und dann bei der Softwareentwicklung um Rat gefragt. Es gibt eine neue Betaversion, ich gebe meinen geheiligten Server via Teamviewer-Fremdsteuerung zwecks Neueinspielung mal wieder in fremde Hände.

Unten (das ständige Treppauf/Treppab gilt übrigens als Sportergänzung) ist derweil anscheinend ein Bus angekommen, ich widme mich meiner eigentlichen Aufgabe, Menschen zu beraten, nicht jedoch ohne meiner Aushilfs-PTA dabei zu helfen, die gefressenen Rezepte aus dem Drucker zu befreien und den mechanischen Fehler mit links zu beheben.

War da eigentlich nicht noch ne komische Fehlbuchung über 486€ von gestern zu korrigieren? Ich notiers mir vorsichtshalber auf den Dauer-Din-A-4-Zettel in meiner Kitteltasche und verschiebe das auf Kassenschluss um 19.30 Uhr. Zwischendurch versuche ich immer mal im Vorbeigehen in mein trockenes Frühstücksbrötchen (13.20 Uhr, Belag wird überbewertet, reine Zeitverschwendung) zu beißen und mit dem kalten Tee nachzuspülen. Wenig trinken erspart übrigens auch diese lästigen Toilettengänge in die obere Etage.

Die PKA bittet um Abnickung der Monatsangebote, Mist, wir haben ein blödes Präparat dabei, welches wir extra bestellen müssen, anstatt das Konkurrenzprodukt, was in größeren Mengen eingekauft wurde zu nehmen. Können wir’s noch ändern? Nö, natürlich zu spät, egal jetzt, auf Einzelschicksale kann man nicht immer Rücksicht nehmen!

Plötzlich „Gefrierbrand“, der Mann vom Rechenzentrum will Rezepte abholen! Zum Glück hatte unser Quotenmann und Senior sie schon fertig gemacht, eingescannt für unsere Kontrolle, sortiert, gewogen, zusammen gerechnet.

Die Kollegin ruft an, ob für unsere Spendenübergabe alles geregelt sei, na klar, hab ich an meinem freien Tag gemacht, Spendenscheck wurde für die bessere optische Übergabe im Computer gezaubert, mittlerweile ist ja auch eine Grafikerin an mir verloren gegangen.

Vorne tobt ein Kunde, wir hätten das falsche Präparat abgegeben, es ist Chefbedienung gefragt, die PTA kann ihn nicht davon überzeugen, dass der Arzt eine falsche Stärke aufgeschrieben hat. Ein Gang in die 3. Etage klärt alles, Sprechstundenhilfe war in der Zeile verrutscht, alle Gemüter beruhigt.

Dafür möchte, die sich nur mit ihren Bankkarte ausweisende Dame mit der bunten Brille („Da steht doch Dr. drauf!“) ein verschreibungspflichtiges Medikament haben, untermauert es mit der Kundenkarte der Apotheke 3 km weiter und zieht entrüstet von dannen, als ich es verweigere. Später stellt sich heraus, es war eine Tierärztin… Tja, Freundlichkeit hätte ihr vielleicht weiter geholfen…

Meine Vermieterin fragt nach, ob ich mit Hilfe der Polizei und Ordnungsamt langsam der etwas alkohollastigen Klientel, die sich bei Regen mit Vorliebe unter unserem Vordach tummelt, Herr werde. Dass ich die Ärzte im Haus dafür noch mit ins Boot holen wollte, hatte ich zwischenzeitlich kurz verdrängt und verschiebe es auf morgen. Das ist ein größeres Problem, da muss eine Strategie her.

Auch den Stapel Retaxationen, eine davon eine sogenannte Vollabsetzung über 400€, die die Krankenkasse nicht bezahlen will, weil das Präparat nicht lieferbar war und wir ohne Kennzeichnung ein gleichwertiges abgegeben haben, schiebe ich auf die Seite.

Um die Genehmigung für die 9,78€ teuren Ohrbalons komm ich aber nicht rum, die wird eh 3-4 Tage dauern, obwohl das Kind jetzt krank ist und nicht nächste Woche… Den letzten Schwung ebenfalls lang Arbeitender fackeln wir leicht ermattet ab, ich versuche das Fehlbuchungsproblem zu lösen und frage mich mal wieder: Warum nur werden wir immer Schubladenzieher genannt???

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