DocMorris: Strafe verjährt

Was mich wahnsinnig aufregt:
Die allseits bekannte und bei sparwilligen Kunden vielfach beliebten niederländischen Versandapotheken DocMorris und Europa Apotheek Venlo haben lange Zeit gegen die für deutsche Apotheken geltenden Gesetze und Vorgaben verstoßen.

Nicht nur, dass diese und andere aus dem Ausland versendende Apotheken den hiesigen Apotheken den Markt streitig machen. Nein, sie halten sich dabei auch nicht an die Auflagen, deren Nichtbeachtung bei deutschen Apotheken sofort geahndet werden.

Unter anderem die Gewährung von sogenannten rx-Boni. Dabei handelt es sich um Bonuspunkte, für verschreibungspflichtige Medikamente, für die der Kunde eine Gutschrift erhält. Summa summarum also ein Preisnachlass auf ein verschreibungspflichtiges Medikament.
Vordergründig für viele Patienten, die rechnen müssen, erstmal positiv.

Warum ist die Gewährung von Nachlässen auf verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland denn überhaupt verboten?

Weil Medikamente, die der Arzt auf Rezept verordnet, überall in Deutschland den gleichen Preis haben sollen. Einem kranken Patienten darf nicht zugemutet werden auch noch auf die Jagd nach dem günstigsten Preis zu gehen. Womöglich noch auf ausdrücklichen Wunsch der eigenen Krankenkasse.

Das ist nicht so weit hergeholt, nötigen doch Krankenkassen trotz Verbots chronisch kranke Patienten immer wieder mitzusparen und bei Versandhändlern zu bestellen.
Und dort, wo eine freie Kalkulation erlaubt ist, schließen die Krankenkassen inzwischen oft Exklusivverträge mit Billiganbietern, deren Produkte entweder von abgrundtief schlechter Qualität sind oder und bei denen der Patient kräftig draufzahlen muss.

Wir Apotheker in Deutschland versorgen die Bevölkerung 24 Stunden täglich 7 Tage die Woche mit Medikamenten.
Wir beraten, klären Unklarheiten mit Ärzten ab und sind, insbesondere für den älteren Teil der Gesellschaft, eine wichtige Anlaufstelle und oftmals neben dem Arzt leider auch der einzige Sozialkontakt.

Unsere Preise ergeben sich aus dem Herstellerpreis, auf den der Großhandel und die Apotheken fixe Aufschläge berechnen, die alles andere als überzogen sind.

Wir leben in Deutschland in wirtschaftlich guten Verhältnissen und unser Staat erhebt auf Medikamente, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, die volle Mehrwertsteuer.
19 % kassiert also der Fiskus, 3 % + 8,35 € Fixaufschlag die Apotheke. Abzüglich eines Zwangsrabattes an gesetzliche Krankenkassen in Höhe von aktuell 1,77 €.

Das bedeutet, selbst wenn es uns erlaubt wäre, könnten wir keine rx-Boni gewähren. Denn das gibt unsere Preisspanne einfach nicht her. Wir haben 8 Jahre auf eine Erhöhung der Pauschale um 23 Ct. warten müssen. Wie könnten wir da mehrere Euro Nachlass gewähren?

Was passiert, wenn DocMorris und Co. sich weiter die Rosinen per Versandhandel rauspicken, aber sich nicht am Notdienst, an der Herstellung individueller Rezepturen und der zeitnahen Versorgung bis ans Krankenbett beteiligen?

Diese Felder sind für Apotheken ein reines Minusgeschäft. Dies lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn in den „einträglicheren“ Bereichen dann ebenfalls der Dienst der wohnortnahen Apotheke und nicht der eines Versenders in Anspruch genommen wird.

Soll die Apotheke um die Ecke nur den Notdienst und die aufwendigen Kinder-Kapsel-Rezepturen leisten, wird sie über kurz oder lang schließen müssen.  Das muss sich jeder Kunde gut überlegen.
Möchte ich eine wohnortnahe Versorgung oder kann ich künftig mit Apotheken ausschließlich in Ballungsräumen leben?

Den Hammer finde ich aber, wenn Patienten im Notdienst über 2,50 € Notdienstgebühr diskutieren…

Ob sie wohl wissen, dass der Apotheker hinter der Klappe für diesen Dienst nur in etwa den Mindestlohn von 8 € bekommt? Kein Feiertags- oder Nachtzuschlag, wie in anderen Branchen.

Und ob der Kunde, der sich ausführlich beraten lässt, um dann kundzutun, dass er lieber im Internet bestellt, weil das ja billiger ist, weiß, wie unglaublich unverschämt das ist? Ich glaube, oftmals nicht den Hauch von schlechten Gewissen zu verspüren.

In dieser Hinsicht gibt es offensichtlich kein Unrechtsbewusstsein und keine Scham. Auch keinerlei Logik. Denn jedem ist doch wohl klar, dass weder Handwerker noch Ärzte am Ort existieren könnten, wenn ich mein Geld für Aufträge oder Gesundheitsleistungen ins Ausland trage.
Warum sollte das bei Apothekern anders sein?

Dass aber Staat und Krankenkassen unter dem allgemeinen Spardiktat im Gesundheitswesen bei dieser kurzsichtigen Taktik noch den Steigbügel halten, indem beispielsweise der jahrelang gegen das rx-Boni-Verbot verstoßende Versender DocMorris die angehäuften Strafen nun wegen Verjährung nichtmal zahlen muss, ist der Gipfel der Unverschämtheit.

Patienten durchschauen diese ganzen Zusammenhänge nicht und kaufen da, wo es am „billigsten“ ist. Dass Arzneimittelpreise mit den Durchnittseinkommen, den Preismodellen bzw. staatlichen Subventionen und nicht zuletzt mit der Besteuerung der jeweiligen Länder zusammenhängen und wir im reichen Deutschland nicht Preise wie z.B. in Polen erwarten können, scheint logisch.

Der Patient sieht nur den Preis, die Kasse ihr schmelzendes Finanzpolster und die Politik die schwindenden Wählerstimmen bei weiteren Einschnitten im Gesundheitswesen oder höheren Kassenbeiträgen.

Weitsicht ist gefordert. Sonst wird es irgendwann zu spät sein.
Wir Apotheken schneiden regelmäßig bei Befragungen zur Kundenzufriedenheit exzellent ab.

Warum ist unseren Kunden, Politikern und Krankenkassen unser Wissen, unser Service und unsere Freundlichkeit nur keine bare Münze wert?

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