Das ganze Leben ist eine Schnitzeljagd! – oder: Finde den verordnenden Arzt im Krankenhaus

Peter Smola / pixelio.de
Peter Smola / pixelio.de

Während Hape Kerkeling ja glaubt, das ganze Leben sei ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten, glaube ich inzwischen, dass das ganze Leben eine Schnitzeljagd ist. Jedenfalls als Apotheker und erst recht, wenn man als solcher Rücksprache mit einem Arzt wegen einer unklaren Verordnung halten muss. Und das muss man ziemlich oft, weil es einerseits so viele Regelungen gibt, die zu beachten sind und andererseits so viele Ärzte, die sich diese Regeln irgendwie so gar nicht merken können.

Unsere letzte Schnitzeljagd fand letzte Woche in der beliebten Telefonversion statt, bei der wir versuchen, den verordnenden Arzt in einer großen Berliner Klinik („Charité? Oje!“) so schnell wie möglich ausfindig zu machen. Das kann ein Weilchen und auch mal ein paar Tage dauern, egal, wann man anruft, denn die – wenn überhaupt – angegebenen Telefonnummern werden mit einem Zufallsgenerator ermittelt und sind selten „echt“. Ebenso wie die Stempel der angeblich verordnenden Ärzte. Was vielleicht auch der Grund ist, weshalb die Stempel mit Arztnamen und Berufsbezeichnung gerade in Kliniken gar nicht erst aufgedruckt werden. Das ist dann sozusagen der Bonus-Level „Hieroglyphen-Raten“ bei der Schnitzeljagd und der Nullretax-Bonus für die Krankenkassen …

Wir haben es jedoch „nur“ mit der Standardversion zu tun. Arztname und Telefonnummer sind aufgedruckt (Wow! Jackpot!), es fehlt lediglich die Gebrauchsanweisung für die individuell in der Apotheke herzustellenden Kapseln. Da es für solche maßgefertigten Arzneimittel ja weder eine Zulassung noch einen Beipackzettel gibt, kann man die Dosis auch nicht mal schnell nachsehen. Klar gibt es pädiatrische Standardwerte, aber da wir es hier mit einem zehn Monate alten Baby zu tun haben, dem mit ASS oder Acetylsalicylsäure zwar die „Medizin Deines Lebens“, aber nicht die von kleinen Kindern verordnet wurde, weil die davon das seltene, aber durchaus lebensbedrohliche Reye-Syndrom bekommen können, wäre mir eine ärztliche Bestätigung und Dosierungsangabe schon mehr als recht.

Also greife ich zum Telefonhörer. Es ist Dienstag, kurz nach 17 Uhr, kein Feiertag in Sicht. Quasi ideale Bedingungen für einen Rückruf in einer der größten Berliner Kliniken. Wider Erwarten werde ich auch nicht von einer nervigen Wartemelodie schikaniert, sondern von einer sehr angenehmen Damenstimme ermuntert, doch etwas später noch einmal anzurufen, weil gerade alle Mitarbeiter beschäftigt sind. Prima, immerhin rufe ich also nicht außerhalb der Sprechzeiten an! Voller Motivation probiere ich es etwa eine halbe Stunde später noch einmal. Immer noch kein Feierabend in der Klinik, denn immer noch sind alle Mitarbeiter beschäftigt. Oder soll nur der Eindruck erweckt werden, dass …? Ich versuche es noch einmal, dann gebe ich für diesen Tag auf und schreibe meiner Kollegin ihre erste Aufgabe in die morgige to-do-Liste nach dem Motto: Neuer Tag, neues Glück!

Als ich sie am nächsten Tag mittags ablöse, haben wir immer noch keine Lösung des Problems, dafür aber jede Menge weiterer Telefonnummern, die sie im Laufe des Vormittags bekommen hat! Bei der aufgedruckten Telefonnummer der Kinderklinik hat sie von Schwester xyz immerhin erfahren, dass Oberarzt Dr. L. zwar seinen Stempel gezückt, die Patientin aber gar nicht in seinen Akten hat. Trotzdem hat sie die Durchwahl von Dr. L. bekommen, der allerdings dort so gut wie nie erreichbar ist.

Stattdessen hat sie von der erreichbaren Zentrale eine weitere Telefonnummer bekommen, deren Spur zu Dr. H. führt, bei dessen Sprechstundenhilfe die Patientin immerhin aktenkundig ist. Sie kann auch anhand eben der Akten bestätigen, dass pro Tag 20 mg ASS verordnet sind. Warum haben wir dann gerade 10 mg Kapseln hergestellt???? Wir bekommen die Durchwahl von Dr. H., der quasi immer im Hause, aber selten an seinem Telefon ist. Stimmt. Irgendwann haben wir dennoch Erfolg: Dr. H. lebt und kann uns Auskunft geben!

Klar seien es 20 mg. Egal, ob in einer oder zwei Dosierungen. Die Frage, warum er die Gebrauchsanweisung nicht notiert hat, klemme ich mir lieber gleich ganz. Ist ja quasi auch egal. Immerhin haben wir drei Telefonnummern und die Zentrale der Charité. Wenn das mal kein Erfolg ist! Das muss reichen.

Tut es auch, denn insgesamt haben wir dafür mit Herstellung, Dokumentation und „Telefon-Scherzen“ gut vier Stunden für diese eine Rezepturherstellung verbraucht… 21 Euro dürfen wir der Krankenkasse in Rechnung stellen. Das sind „locker“ 5,25 € pro Stunde. Wo war noch mal gleich der Mindestlohn?

Was uns nervt? – Wenn Ärzte die Regelungen der Arzneimittelverschreibungsverordnung nicht kennen bzw. nicht beachten und wenn unsere Arbeit mit einer unter dem Mindestlohn und der Gürtellinie liegenden Vergütung missachtet wird.

Was sich ändern muss! – Warum kann es in der zertifzierten Praxissoftware (die auch in Kliniken eingesetzt werden müsste) kein Pflichtfeld z.B. für die Dosierung bei Rezepturarzneimitteln geben? Dann wären derartige Anrufe und „Telefon-Scherze“, die alle Beteiligten Zeit kosten, unnötig. Und warum kann es für eine Arzneimittelmaßanfertigung nicht eine angemessene Vergütung geben?

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